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20.11.2017Fox

Die Spuren der Gewalt

 

Sebastian Fox ist Student der Zahnmedizin im 11. Semester am Universitätsklinikum Jena. Im Rahmen seiner Dissertation untersucht er den Ausbildungsstand und das Verhalten von Zahnmedizinern, was Kindesmisshandlung und -vernachlässigung angeht und möchte dafür möglichst viele praktizierende Zahnärzte zu diesem Thema befragen. Mehr über die Hintergründe erklärt er im Interview mit den Zahnärztlichen Nachrichten Sachsen-Anhalt.

 

 

 

Herr Fox, man sollte annehmen, dass vor allem Familienmitglieder, Erzieher oder Lehrer oder natürlich der Kinderarzt mit Kindesmisshandlung oder -vernachlässigung in Berührung kommen. Was haben Zahnärzte mit dem Thema zu tun?
Auf den ersten Blick natürlich gar nichts. Wenn man sich aber intensiver mit dem Thema beschäftigt, zeigt sich, dass ca. 50 Prozent der Verletzungsmuster von Misshandlungen und Vernachlässigungen im Kopf-Hals-Bereich sichtbar werden. Zusätzlich sind es häufig Eltern oder eben Personensorgeberechtigte, die ihre Kinder misshandeln. Falls diese mit dem verletzten Kind zum Kinderarzt gehen, zeigt sich, dass die Kinderärzte häufig durchgewechselt werden. Der Hauszahnarzt wird dagegen selten gewechselt. Hier könnte im Rahmen des Kinderschutzes mit einer besseren Ausbildung der Zahnärzte im Hinblick auf Zeichen für Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern ein großer Schritt getan werden.

Was genau wollen Sie von den Zahnärzten wissen?
In erster Linie, wie im bundesweiten Durchschnitt der Ausbildungsstand der Zahnmediziner zur Thematik ist und wie mit eigenen Verdachtsfällen umgegangen wird. Meine eigenen Erfahrungen aus Gesprächen mit Kollegen und Kommilitonen haben gezeigt, dass das Thema Kindesmisshandlung noch immer ein Tabuthema ist, das kaum in der studentischen Ausbildung behandelt wird, und dass schwer Aussagen zur Thematik getroffen werden können.

Welche Rechte und Pflichten haben (Zahn-)Ärzte, wenn sie einen Verdacht auf Misshandlung oder Vernachlässigung hegen?
Nach dem seit 2012 in Kraft getretenen Bundeskinderschutzgesetz (BKiSchG) ist es für alle betroffenen Berufsgruppen mit Schweigepflicht möglich, das Jugendamt bei Verdacht auf eine Misshandlung oder Vernachlässigung einzuschalten. Dabei wird ein dreistufiges Verfahren vorgeschlagen, um die Sicherheit der Ärzte und des medizinischen Personals bei diagnostischen Problemen zu gewährleisten: In erster Stufe ein Gespräch mit dem Kind/Jugendlichen und den Sorgeberechtigten, bei dem eine Hinwirkung auf Inanspruchnahme von Hilfe erzielt werden soll. In zweiter Stufe wird jedem Arzt oder jeder Ärztin, die unsicher in Bezug auf die Diagnose einer Misshandlung oder Vernachlässigung sind, eine Beratung durch eine Fachkraft des Jugendamtes  mit Erlaubnis zur anonymisierten Datenübermittlung zugesichert. In der dritten und letzten Stufe hat jeder Arzt und jede Ärztin die Befugnis, das Jugendamt unter Mitteilung der erforderlichen Daten einzuschalten – falls die Sicherheit des Kindes oder des Jugendliches dabei gefährdet wird, sogar ohne vorher die Betroffenen darauf hinzuweisen. Dabei wird die Schweigepflicht auf Grundlage dieses Gesetzes nicht gebrochen. Eine Meldepflicht – wie in Frankreich – besteht auch weiterhin nicht, um zu vermeiden, dass Betroffene Ärzte vollständig vermeiden.

Gibt es bereits Studien zu diesem Thema in Deutschland oder anderen Ländern? Mit welchen Ergebnissen?
In Deutschland selbst gibt es noch keine Studie, von daher ist diese Umfrage die erste dieser Art in Deutschland. Allerdings haben bereits Kollegen aus Schottland, Dänemark und Jordanien solche Studien durchgeführt – mit teils überraschenden Ergebnissen. In der schottischen Studie lag die Zahl derjenigen, die ihren Verdacht auf Kindesmisshandlung tatsächlich gemeldet  hatten, bei lediglich 11 Prozent, das ist meines Erachtens eine erschütternde Zahl. Ich hoffe, dass die Zahnärzte Deutschlands besser abschneiden, aber das wird sich erst zeigen.

 

Der Fragebogen ist in weniger als zehn Minuten auszufüllen und zu finden unter www.goo.gl/QH5mSo

 

 

 

 

 

 

 

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